Genossenschaften im Aufwind

Awesome UnicornAwesome: Ohne Genossenschaften wäre die Energiewende in Deutschland nicht möglich geworden. Urheber: Anna Lena Schiller . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Viele Menschen wollen selbst bestimmen, was sie essen und wie ihr Strom erzeugt wird: Kleine, gemeinschaftliche Handelsverbände erfüllen diesen Wunsch. Aus unserer Beilage "Update für Demokratie" für die Süddeutsche Zeitung.

An jedem letzten Sonntag im Juni herrscht Hochbetrieb auf dem Buschberghof östlich von Hamburg. Das Hoffest ist von großer Bedeutung, denn auf ihm kursieren mit Ähren dekorierte Zettel, die abends möglichst mit Unterschriften zurückkommen sollen: Zahlungsverpflichtungen über knapp 400.000 Euro sind gefragt, so viel, wie die sechs Bauern der Hofgemeinschaft im folgenden Jahr zum Leben und Arbeiten brauchen.

Denn der Buschberghof ist mehr als ein Demeter-Bio-Hof. Er ist eine Wirtschaftsgemeinschaft von rund 95 Haushalten, die die Kosten des Betriebs über einen Jahresbeitrag aufbringen und im Gegenzug eine vollständige Grundversorgung aus Obst, Gemüse, Brot, Fleisch und Milchprodukten erhalten. „Manchmal kommt die nötige Summe nicht zusammen und wir fordern die Leute auf, noch mal in sich zu gehen“, berichtet Schatzmeister Wolfgang Stränz. Seit 28 Jahren hat es am Ende jedes Mal doch geklappt.

Auf den Feldern des Buschberghofs wachsen 70 Gemüse- und mehrere Getreidesorten, es gibt Schweine, Hühner und eine Herde Ostangler Rotvieh. Dienstags holen die Mitglieder, darunter auch Lebensmittelgeschäfte, die Waren ab. „Wir übernehmen die Landwirtschaft und sie die Verteilung“, sagt Bauer Karten Hildebrand. Er ist froh, sich nicht wie früher um Marktstand und Hofladen kümmern zu müssen. Auch das Risiko einer verhagelten Ernte trägt die Gemeinschaft. Dafür bestimmen die Mitglieder, was angebaut wird. Viele Jahre lang war der Buschberghof ein Unikum, dann kam der Kattendorfer Hof nördlich der Hansestadt dazu. Inzwischen existieren über 100 solidarische Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland.

Auch in anderen Wirtschaftsbereichen etablieren sich gemeinschaftliche Modelle. Beispielsweise sind im Energiebereich in den vergangenen Jahren 900 Genossenschaften entstanden. Deren über 100.000 Mitglieder legen Geld zusammen, um Solaranlagen auf Schuldächern zu installieren oder gemeinsam Windräder zu betreiben. Ohne solche Kleininvestoren wäre die Energiewende in Deutschland nie möglich geworden: Noch 1993 hatten die großen Elektrizitätskonzerne behauptet, langfristig könnten regenerative Energien höchstens vier Prozent des Strombedarfs decken. Tatsächlich wurde im vergangenen Jahr die 30-Prozent-Marke überschritten.

Doch auch mehr Demokratie bringen die Stromgemeinschaften. Nachdem in Hamburg 2013 ein Volksentscheid dafür sorgte, dass die Stadt die Verteilnetze zurückkaufen muss, bündelt nun die Genossenschaft EnergieNetz Hamburg die Kräfte für eine möglichst regionale, demokratische und regenerative Versorgung. Die Unternehmensform ist bewusst gewählt – egal wie hoch oder niedrig der finanzielle Beitrag, jedes Mitglied hat eine Stimme.

Weitere Lebensbereiche folgen. Eine wachsende Zahl von Bürgern will heute wissen, wo und wie die Dinge ihres Alltags hergestellt werden – und möchte nicht länger das Gefühl haben, auf Kosten anderer Menschen und der Umwelt zu leben. Mit Verzicht hat das nichts zu tun, sondern mit der Sehnsucht nach einem guten, selbstbestimmten Leben.

Dieser Beitrag ist Teil einer Beilage, die Mitte September in der Süddeutschen Zeitung erschien und einen Einblick in unser Projekt "Gut vertreten? Update für Demokratie" gibt. Die Publikation ist mit der Einladung verbunden, in „Demokratie-Dialogen“ die aufgeworfenen Fragen und Themen zu diskutieren – und zwar am 1. Oktober in Köln, am 8. Oktober in Stuttgart und Hamburg, am 13. Oktober in Potsdam und am 26. Oktober in Dresden.

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.
Weiterführende Links

Neuen Kommentar schreiben